Zum Tod von Pfarrer Ernst Sieber: Obdachlosigkeit und 500’000 Zweitwohnungen

Ein altes Anliegen von Pfarrer Ernst Sieber könnte nach seinem Tod umgesetzt werden. Ich denke da an seine Forderung, dass Bewohner von Notschlafstellen auch tagsüber «zu Hause» bleiben können, wie wir auch. Wir müssen auch nicht morgens unser Bündel packen und unsere Behausung verlassen. Das sollte doch in einem der reichsten Länder der Welt, in der Schweiz, in dem es über 500’000 Zweitwohnungen gibt möglich sein. Auch der «Pfusbus», ein Lastwagen mit Schlafgelegenheiten beim Albisgütli in Zürich der Sieber-Stiftung, in dem Obdachlose im Winter übernachten, müsste durch ein Haus ersetzt werden. In Zürich stehen viele Bürohäuser und Luxus-Appartments seit Jahren leer.

«Home at last», «endlich zu Hause»… Luxus-Appartement in Zürich (kopiert aus einem Vermietungsprospekt)

Pfarrer Ernst Sieber: Einsatz für Obdachlose, Drogensüchtige und Aidskranke

Pfarrer Ernst Sieber starb am 19. Mai 2018 91 jährig in Zürich. Ernst Sieber, war ein Schweizer evangelisch-reformierter Pfarrer, Leiter eines Sozialwerks, Autor mehrerer Bücher und Nationalrat. Schweizweit bekannt wurde er durch seinen Einsatz für Obdachlose, Drogensüchtige und Aidskranke. (1)

Pfarrer Ernst Sieber (1927 – 1918)

Auch tagsüber konnten Obdachlose im Bunker am Helvetiaplatz bleiben

1968 konnten die Bewohner des unterirdischen Bunkers am Helvetiaplatz in Zürich, den Sieber damals betrieb, auch tagsüber «zu Hause» bleiben. Sie mussten tagsüber nicht ihre Wohnstätte verlassen, wie in anderen Notschlafstellen, zum Beispiel im Keller unter dem städtischen Hallenbad in der City von Zürich.

1968 arbeiteten die meisten Bewohner des Bunkers am Helvetiaplatz von Pfarrer Sieber auf dem Bau, als Eisenlegen, als Kabelzieher, Zügelmänner. als Verlader beim Güterbahnhof usw. Einige der Bewohner des Bunkers kamen direkt aus dem Knast in die unterirdische Wohnstätte oder waren frühere Legionäre, die in Indochina oder Algerien gekämpft hatten. Die Kriege hatten sie krank gemacht, sie litten an posttraumatischen Störungen, wie sie auch später US-Vietnamveteranen und Soldaten, die auf dem Balkan im Einsatz waren heimgesucht hatten.

Eine obdachloses Paar findet dank der Hilfe von Pfarrer Sieber eine Wohnung

Einem zeitweiligen Bewohner des Bunkers verschaffte Ernst Sieber später eine Wohnung. Ohne die Hilfe von Sieber hätte dieser Obdachlose mit seiner Frau nie eine Wohnung gefunden. Auf dem Sozialamt bin ich damals sehr barsch abgewiesen als ich mich bemühte diesem meinen Freund mit seiner Frau eine Wohnung zu verschaffen. Ernst Sieber gelang es dann diesem Mann der mit seiner Frau in Hausgängen, Abbruchliegenschaften, Scheunen usw. übernachtete, zu helfen, dass er in Zürich-Altstetten Wohnung eine Wohnung mieten konnte. Dass Paar wohnte dann jahrelang ohne Probleme in dieser Wohnung.

Vom unterirdischen Bunker am Helvetiaplatz in den Suneboge im Selnauquartier

Später stellte die Stadt Zürich Pfarrer Ernst Sieber im Selnauquartier, an der Gerechtigkeitsgasse 5 ein Haus zur Verfügung, der Suneboge, den es heute noch gibt. Die Bewohner des Bunkers konnten umziehen. Geleitet wurde die Notschlafstelle im Bunker am Helvetiaplatz von Robert Widmer, der dann bis zu seiner Pensionierung diese oberirdische Wohnstätte Suneboge vorbildhaft führte. Heute ist Anna Brändle die Gesamtleiterin des Suneboge. (2)

Heinrich Frei

Fussnoten:

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Sieber_(Pfarrer)

(2) Infos zur Wohn- und Arbeitsgemeinschaft Suneboge: www.suneboge.ch

Beilage Ein Interview mit einem zeitweiligen Bewohner des Bunkers am Helvetiaplatz das ich 1969 für die Zeitschrift «Aspekte» unserer «Fortschrittlicher Gewerkschafter» gemacht hatte.

(Redaktion dieser Zeitschrift der Fortschrittlichen Gewerkschaften, der «Aspekte» war damals: Gerda Kieser. Später veröffentliche Gerda unter dem Namen Gerda Fellay zahlreiche Bücher.

Siehe: http://gerdafellay.ch/)

  

 

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *