Mogadischu heute: Zwischen Aufbau und Al Shabab

Interview mit Nur Scecdon Olad

Die internationale Organisation Swisso Kalmo betreut in verschiedenen Regionen Somalias Ambulatorien, Mutter-Kinder Zentren, vier Spitäler für Tuberkulosekranke und betreut auch Landwirtschaftsprojekte. Swisso Kalmo wird unterstützt von UNO-Organisationen, von internationalen Hilfsfonds, wie dem Global Fund, und durch Spender und Spenderinnen in der Schweiz. Swisso Kalmo gründet auf der Arbeit der Schweizer Krankenschwester Magda Nur-Frei und ihrem Mann Nur Scecdon Olad, die 1988 in Somalia zu arbeiten begannen.

Informationen zu Swisso Kalmo: Deutsch: www.swisso-kalmo.ch,

Englisch: www.swisso-kalmo.org

Heinrich Frei: Du bist drei Monate in Mogadischu gewesen, in einer Stadt die etwa zwei Millionen Einwohner hat.

Nur Scecdon Olad: Eigentlich wollte ich nur ein paar Tage in Mogadischu bleiben und dann nach Merka reisen, um dort zu schauen wie unsere Projekte funktionieren, um dort auch Ferien zu machen und mitzuarbeiten. Aber es war nicht möglich nach Merka zu fahren. In Mogadischu besuchte ich unsere Büros von Swisso Kalmo. Es war interessant dort zu sehen wie unsere Projekte in Somalia organisiert werden. Ich staunte richtig: Swisso Kalmo ist heute ein internationales Hilfswerk geworden.

Das Leben in Mogadischu: Im letzten Jahr waren während dem Tag das Militär, die Polizei, die Sicherheitskräfte präsent, aber wenn es dunkel wurde, und alle wussten das, „verwaltete“ eigentlich Al Shabab Mogadischu.

Und in diesem Jahr?

Nur Scecdon Olad: Besonders im letzten Monat, im August und September war es ein wenig besser. Aber während den Ramadan Monaten, im Juni und Juli demonstrierte Al Shabab der Regierung, dem Militär und der Polizei, dass sie keine Macht haben.

Was ist passiert?

Nur Scecdon Olad: Der Präsident von Somalia, Hassan Sheikh Mohamud, hatte erklärt: Wir sorgen dafür, dass es Mogadischu im Fastenmonat Ramadan ruhig bleibt. Al Shabab zeigte aber: Diese Ruhe ist nicht möglich. Während der Nacht hat man immer wieder die Explosion von Bomben und Gewehrschusssalven gehört. An jedem Tag, in jeder Nacht ist etwas passiert, wurden Leute umgebracht, wurden Bomben geworfen. Wenn nicht viel passiert ist, haben sie drei, vier Leute in verschiedenen Quartieren ermordet. Sie sind in die Villa Somalia, in den Präsidentenpalast eingedrun­gen, und haben dort Menschen getötet. Das Parlament und das Gebäude des Sicherheitsdienstes haben sie gestürmt. Al Shabab Leute konnte machen was sie wollten. Am Tag war es ein wenig besser. Viele hatten Angst, und sicher auch die Polizisten. Personen die zur Al Shabab gehört haben wurden ins Gefängnis gebracht, aber nach ein paar Tagen waren sie wieder draussen. Ich weiss nicht ob sie etwas bezahlt hatten. Manchmal wurden sie mit Gewalt befreit. Oft hiess es auch, morgen oder übermorgen wird dieser oder jener, ein Mitglied der Shabab exekutiert, das Militärgericht habe dies entschieden. Aber statt dass man diese Leute hingerichtet hat, waren sie einige Tage später wieder draussen.

Überall sind Al Shabab Leute drin, in der Regierung, überall, hast du erwähnt?

Nur Scecdon Olad: Das kann nicht anders sein. Alles was die Regierung machen will, wissen sie schon zum Voraus. Überall hat die Al Shabab Helfer. Darum können sie machen was sie wollen.

Bashir Gobdon meinte, die Regierung müsste mit der Al Shabab Führung verhandeln. Was meinst du dazu?

(1) „In Somalia fehlt ein Nelson Mandela der eine Versöhnung einleiten könnte“ http://www.berliner-umschau.de/news.php?id=28360&storyid=1001393314838

(Bashir Gobdon ist Präsident von Swisso Kalmo und besuchte in den letzten Jahren mehrmals Somalia. Beim Alternativradio Lora in Zürich betreut er die wöchentliche Sendung in somalischer Sprache, www.lora.ch) 

Nur Scecdon Olad: Nein. Al Shabab will nicht verhandeln. Sie wollen die Macht übernehmen. Sie wollen, dass die Regierung selber sagt, wir machen nicht mehr weiter. Al Shabab unternimmt alles damit die Regierung schwächer und schwächer wird. Ich kann mir nicht vorstellen wie man mit Verhandlungen mit der Al Shabab etwas erreichen soll. Der Präsident hat schon oft gesagt, es gibt keine andere Lösung als der Kampf gegen Al Shabab. Entweder gewinnt Al Shabab oder die Regierung.

Bashir meinte auch, die Europäische Union und die Amerikaner wollten keine Verhandlungen mit der Al Shabab.

Nur Scecdon Olad: Nein, Nein, Verhandlungen sind überhaupt nicht möglich. Al Shabab würde nicht einfach so akzeptieren wenn man ihnen vorschlagen würde, übernehmt zum Beispiel die Position des Premierministers und dann gebt Ruhe. Für Al Shabab gibt es nur entweder alles oder nichts, denke ich.

Sind die ausländischen Soldaten der Afrikanischen Union, der AMISOM, eine grosse Unterstützung für die Regierung? 

Nur Scecdon Olad: Ja, ich denke schon. Al Shabab hat Angst vor der AMISOM. Aber das Spiel ist, AMISOM will selber nicht, dass das Spiel endet, das heisst dass der Krieg zu Ende geht, weil die Soldaten der AMISOM nachher arbeitslos werden.

Bashir Gobdon sagte mir: Die somalischen Polizisten und Militärs werden mit 100 Dollar im Monat entlohnt die AMISOM Soldaten kassieren etwa 1000 Dollar. Manchmal werde der Lohn der Somalier nicht einmal ausgezahlt. 

Nur Scecdon Olad: Das stimmt. Die Moral in der somalischen Armee und der Polizei ist nicht gut. Sie bekommen wenig Geld und das wenige wird oft nicht ausgezahlt. Sie verkaufen sogar manchmal ihre Waffe. Wenn man eine Polizeistation aufsucht ist das erste, dass man machen muss ist zu zahlen, erst dann wird mit einem gesprochen. Überall wo man hingeht, muss man zuerst zahlen. Die Staatsangestelltem arbeiten für die Regierung, werden aber oft nicht bezahlt. Obwohl es jetzt ein wenig besser geworden ist. Früher haben sie jahrelang kein Geld gekriegt. Aber jetzt erhalten sie alle zwei, drei Monaten doch immerhin etwas. Nicht viel, aber es wäre besser wenn sie jeden Monat einen Lohn erhalten würden, sonst leidet die Arbeitsmoral. Es hat verschiedene Militärs die Strassensperren errichten und Geld einziehen, sonst können sie nicht überleben, das ist klar.

Aber sonst herrscht in Mogadischu eine gewisse Aufbaustimmung? 

Nur Scecdon Olad: Ja, trotz den Schwierigkeiten mit der Al Shabab läuft vieles gut. Ich denke die Menschen sind positiv eingestellt. Das heisst, sie wissen Al Shabab macht Anschläge, aber trotzdem leben sie weiter. Es wird viel gebaut in Somalia, viele Spitäler, Telefon-, Computernetzwerke, Radio, Fernsehen, alles ist privat, und es funktioniert. Unternehmer machen Geschäfte, besonders die Somalier die im Ausland ein wenig Geld gespart oder etwas gelernt haben. Sie kommen zurück und machen Geschäfte, besonders mit Kommunikationsmitteln, mit Geldtransfer usw. Wenn kein Staat existiert übernehmen andere diese Dienste. – Und sie verdienen dabei gut.

Wie steht es mit der Versorgung mit Nahrungsmitteln? 

Nur Scecdon Olad: Vieles wird aus dem Ausland importiert, zum Beispiel Reis, Spaghetti. Und Somalia exportiert überhaupt nichts, ausser Holzkohle, Schafe, Kamele, Ziegen aus einigen Häfen. Besonders in dieser Zeit der Wallfahrten nach Mekka werden viele dieser Tiere in arabische Länder exportiert.

Als du in Merka gelebt hast, hast du Generatoren für die Elektrizitätsversorgung installiert. Wie ist das heute in Mogadischu?  

Nur Scecdon Olad: Dort wo ich gewohnt habe, hatten wir während 24 Stunden Elektrizität. Ich war in Kenia, in Nairobi und in Mombasa. Dort hatte es immer wieder Unterbrüche in der elektrischen Versorgung gegeben, eine Stunde, den ganzen Tag, oder ein paar Stunden. Aber in Mogadischu in diesem Quartier wo ich gelebt habe, hatte es fliessendes Wasser und elektrisches Licht während 24 Stunden.

Gibt es ein Wasserleitungsnetz, Reservoire für die Trinkwasserversorgung? 

Nur Scecdon Olad: Brunnen die vorher dem Staat gehörten, sind heute privat. In diesem Quartier in dem ich lebte, wurden in einem Umkreis von einem oder zwei Kilometern Leitungen verlegt, alle erhalten Wasser. Es ist Grundwasser aus einem Gebiet in dem süsses Wasser gefasst werden kann. Private Gesellschaften verteilen Wasser und auch Elektrizität. Es gibt noch Häuser die mit eigenen Generatoren Strom erzeugen. Vorher war die Versorgung mit Strom sehr schlecht, Ich habe in diesem Sommer nicht weit weg von dem grossen Bakara-Markt gelebt. In diesem grossen Quartier hatten wir immer Wasser und Elektrizität, während 24 Stunden. Nie vorher hatte in Mogadischu die Versorgung mit Wasser und Elektrizität richtig funktioniert, manchmal gab es tage-, monatelang kein Wasser, kein Strom.

Elektrizität wird mit grossen Dieselgeneratoren produziert. Am Anfang mussten wir 40 – 50 Dollar pro Monat zahlen, jetzt 100 Dollar. Mogadischu ist eine teure Stadt. Die Hotels sind auch teuer: 50 – 100 Dollar pro Nacht und auch noch mehr. Mogadischu ist teurer als Nairobi. Die Türken investieren in Hotels, aber die meisten Hotels gehören Somaliern, auch Somaliern im Ausland. Es gibt keine andere ausländischen Gesellschaften oder Nationen die Hotels betreiben wie in Nairobi.

Ich denke die Regierung macht was möglich ist. Aber es hat all diese Haken, wie der Chef des Geheimdienstes einmal sagte: Die Al Shabab Leute sind gleich gekleidet wie die Polizisten, wie die Soldaten, ihre Autos haben die gleiche Farbe wie die Polizeiautos. Auf der Strasse kann man nicht unterscheiden zwischen richtigen und falschen Polizisten und Soldaten. Uniformen der Polizei konnte man auf dem Markt kaufen wie andere Kleider. Jetzt ist dies verboten, aber früher war es auch möglich Kalaschnikows auf dem Markt zu kaufen. Dort wurde dann mit den Gewehren auch probeweise geschossen bevor sie verkauft wurden. Unser Büro ist gerade in diesem Gebiet. Jetzt hört man solche Gewehrschusssalven nicht mehr.

Ihr habt in Merka bewaffnete Schutzleute? 

Nur Scecdon Olad: Nicht nur in Merka, überall, jetzt auch in Mogadischu. Ohne diese Wächter kann man nicht arbeiten. Sie denken Hilfswerke haben Geld. Aber wenn ein gut organisierter Überfall stattfinden würde, könnte man gar nichts machen.

Können die Kinder in Mogadischu in die Schule gehen? 

Nur Scecdon Olad: Es gibt nur Privatschulen, bis jetzt. Bis zur Universität ist alles privat.

Und wer kein Geld hat kann seine Kinder nicht in die Schule schicken? 

Nur Scecdon Olad: Das ist so, obwohl es Schulen für verschiedene Schichten gibt, Schulen die pro Monat nur fünf Dollar kosten, und andere bis zu 100 Dollar. Aber Gratisschulen gibt es keine.

Und das gleiche gilt für die Gesundheitsversorgung: Nur wer Geld hat kann zum Arzt. Gibt es wie in Merka kostenlose Ambulatorien, wie die von Swisso Kalmo? 

Nur Scecdon Olad: Ja, zum Beispiel von der AMISOM (die Streitkräfte der Afrikanischen Union in Somalia). Sie betreiben kleine improvisierte Kliniken und die Türken haben auch solche Einrichtungen eröffnet. Es gibt einzelne Hilfswerke, aber das meiste ist privat. Da es heute keine öffentlichen Spitäler gibt, verdienen Ärzte und die Privatkliniken recht gut.

Wie steht es mit den Rechten der Frauen?

Nur Scecdon Olad: Nach dem Bürgerkrieg gab es viele Familien in denen der Vater arbeitslos war und keine Chance hatte Arbeit zu bekommen. Frauen waren diejenigen die die somalischen Familien gerettet haben. Sie haben gearbeitet, sei es im Handel, sei es als Teeverkäuferin oder irgendetwas. Viele Frauen haben ihre Familie gerettet, sonst wären sie schon lange tot. Wer Glück hatte, hatte irgendwo Verwandte, Freunde und Verwandte im Ausland die Geld geschickt haben. Aber bei den anderen waren es hauptsächlich die Frauen die während diesem Krieg richtig gearbeitet haben.

Rings um Mogadischu sind Flüchtlingslager, wie überleben diese Menschen? Sind sie von der Dürre betroffen? 

Nur Scecdon Olad: Viele die aus anderen Regionen nach Mogadischu geflüchtet sind versuchen zu arbeiten. Am Morgen gehen sie die Stadt. Und irgendwie arrangieren sie sich und am Abend bringen sie Waren nach Hause. Aber es hat Frauen die keine grossen Kinder haben. Mit kleinen Kindern, der Mann gestorben ist das schlimm; Mütter allein mit fünf, sechs Kindern. Wenn man von Mogadischu Richtung Afghooye fährt, sieht man seitlich der Strasse kilometerweit, links und rechts diese Hütten der Flüchtlinge, diese Behausungen aus Ästen, Plastik und Tüchern. Ich hatte früher ausserhalb von Mogadischu nie so etwas gesehen. So viele Flüchtlinge, soweit das Auge reicht. Ich schätze, dass rund um Mogadischu mindestens 500‘000, eine halbe Million oder mehr Flüchtlinge leben. Am meisten sind es Menschen aus Bakool. Man hört ihren Dialekt sprechen. Sie alle können nicht zurückkehren, denn an ihrem alten Wohnort ist es mit der Al Shabab noch schlimmer.

Trotzdem: Man hört selten dass jemand an Durst oder Hunger gestorben ist, trotz allem. Wenn der Krieg zu Ende ist, denke ich, werden viele in ihre Region zurückkehren. Die UNO hilft am meisten somalischen Flüchtlinge die im Ausland leben, in Kenia, in Äthiopien, im Jemen. Aber in Somalia macht die UNO wenig.

Um sich das vorzustellen: Mit dem Auto kannst du fünfzehn, zwanzig Minuten fahren und siehst links und rechts diese Hütten der Flüchtlinge. Auf der Strasse fahren viele Lastwagen und Autobusse. Am Morgen siehst du, wie die Bewohner der Flüchtlingscamps nach Mogadischu fahren und am Abend wieder zurück. Wenn es regnet ist es für die Menschen in den Flüchtlingslagern besonders schlimm, In Mogadischu kann man nicht von Dürre sprechen, in Mogadischu hat es keine Landwirtschaft.

Also richtige Slums? 

Nur Scecdon Olad: Ja, schlimmer noch als Slums. Während der Regenzeit ist es dort besonders schlimm, denn ihre Hütten sind nicht für Regenfälle gebaut. In der Regenzeit grassieren Krankheiten. Es gibt an gewissen Punkten einfache Wellblech-Bauten, ich weiss nicht wer das bezahlt hat, die UNO oder wer. Aber sonst sieht man nur diese Hütten bedeckt mit Tüchern, so viele, so viele.

Trotz allem, was ich gehört habe in der letzten Zeit hat man Hoffnungen, die Sicherheitslage hat sich verbessert. Die Regierung, die somalische Armee, die AMISOM haben verschiedene Regionen übernommen und Al Shabab weggejagt. Es sind nicht mehr viele Orte in der Hand der Al Shabab. Ich kann mir vorstellen, dass man bis Ende Jahr viel erreichen kann im Kampf gegen Al Shabab. Neben Merka sind verschiedene Orte von der AMISOM und den somalischen Soldaten übernommen worden, auch das Hauptquartier der Al Shabab Baraawe südlich von Mogadischu am Meer.

Auch in Merka wurde gekämpft? 

Nur Scecdon Olad: Al Shabab legte mitten in der Stadt Merka Bomben. Ein Lastwagen und ein Panzerwagen der AMISOM wurden zerstört. Als die Bewohner auf der Strasse Autoreifen anzündeten interpretierte die AMISOM dies als Revolte und beschoss das Viertel. Mehrere Häuser entlang der Strasse wurden dabei zerstört.

Äthiopien ist zu zwei Drittel christlich. Besteht nicht die Gefahr, dass die christlichen äthiopischen Soldaten der AMISOM in Somalia missionieren? 

Nur Scecdon Olad: Die äthiopischen Truppen könnten sich in Religionsangelegenheiten einmischen, aber Äthiopien wird eh schon als Feind betrachtet, obwohl jetzt äthiopische Truppen in der AMISOM integriert sind. Die Äthiopier sind in Somalia nicht gut angesehen. Aber jetzt arbeiten in einigen Regionen die Äthiopier mit den Somaliern zusammen. Aber wo die Äthiopier hingehen sind sie für Al Shabab ein rotes Tuch. Die Äthiopier sind gut ausgerüstet und kämpfen gut. Gegen sie hat Al Shabab keine Chance.

In Puntland, im Norden ist es viel ruhiger, dort gibt es die Al Shabab nicht? 

Nur Scecdon Olad: Doch, doch, in Somaliland hört man jetzt wenig von der Al Shabab. Aber gerade in der letzten Zeit hörte man aus Puntland, dass Al Shabab gegen die Armee von Puntland kämpfte.

Puntland hat eine eigene Armee? 

Nur Scecdon Olad: Ja, ja, 

Und auch Somaliland hat eine eigene Armee? 

Nur Scecdon Olad: Ja, ja, die werden besser bezahlt, die Situation im Norden ist geordneter als im Süden. Somaliland hat einen Hafen, einen Flughafen, sie erheben Steuern und können besser bezahlen, sie sind besser organisiert als der Süden.

Wie steht es sonst mit den Steuern?

Besonders im Hafen von Mogadischu verdient die somalische Regierung gut. Manchmal wird auch einiges veruntreut. Viel Baumaterial kommt in den Hafen, Zement, Holz, Armierungsstahl, verschiedene Baumaterialien, Wand- und Bodenplatten. Überall wird gebaut, besonders die Türken bauten verschiedene Strassen. Früher waren die Strassen voller Löcher, aber jetzt sind einige Strassen asphaltiert und am Abend beleuchtet, versorgt mit kleinen Solarpanels mit Batterien. Überall sieht man auch einige Panels die kaputt sind. – Al Shabab will nicht, dass man in der Nacht etwas sieht, darum sprengen sie solche Anlagen.

All die Leute die bei der Regierung arbeiten sind gefährdet, sind im Visier der Al Shabab. Die übrigen Bürger lasse man mehr oder weniger in Ruhe, erklärte mir Bashir Gobdon. (1) 

Nur Scecdon Olad: Verwandte sagten mir dies auch. Ich kenne Leute in den Ministerien, der Minister für Landwirtschaft und der Minister für Veterinärwesen. Der Minister für Veterinärwesen war ein Schulkollege von mir und der Landwirtschaftsminister kenne ich von Nairobi. Jetzt wohnte ich in Mogadischu neben dem Haus des Landwirtschaftsministers. Aber er selber kann nicht dort wohnen. Er wohnt in irgend in einer Zone die überwacht wird, neben dem Präsidentenpalast. Wenn man bei der Regierung arbeitet kommt man leicht ins Visier der Al Shabab. Viele Staatsangestellte sind in Gefahr, sie wohnen in einer bewachten geschützten Zone. Sie können nicht bei ihrer Familie leben. 

Zur Geschichte von Swisso-Kalmo

(2) (http://www.swisso-kalmo.ch/oldpage/pdf/Geschichte%20von%20swisso-kalmo.pdf)

1988 wanderte Nur Scecdon Olad mit seiner Frau Magda von der Schweiz nach Somalia aus, in die Heimat von Nur.

Magda Nur-Frei arbeitete in Somalia im Distrikt Spital in Merka unter dem Patronat der deutschen Rettungsflugwache GAR. Das Spital wurde von Peter Dünner geleitet. Leitender Arzt war Dr. med. Bernhard Heinze. Cornelia Heinze betreute das Labor und die Administration.

Nur, als Elektroingenieur, half in der Stadt Merka unter anderem Elektroanlagen zu installieren. Später realisierte er das Projekt „Strom für Merka“. Mit diesem Projekt wurde auch in einigen Strassen von Merka eine Strassenbeleuchtung montiert, was die Sicherheit in der Stadt nach Einbruch der Nacht wesentlich verbesserte. Nach einer Überschwemmungskatastrophe wurde unter der Leitung von Nur das verschüttete Bewässerungssystem in der Umgebung von Merka wieder freigelegt.

Im November 1990, während des Heimaturlaubs des Ehepaares Nur in der Schweiz, brach der Bürgerkrieg in Somalia aus. Im Frühjahr 1991 gelang es Nur nach Merka zurückzukehren. Mit dem IKRK konnte seine Frau Magda im März 1992 auch nach Somalia fliegen. Sie arbeitete darauf im Feedingprojekt (Ernährung) von Annalena Tonelli, einer initiativen, italienischen Juristin, die seit über 20 Jahren in Somalia arbeitete. Magda und Annalena Tonelli improvisierten das erste Ambulatorium, um kranke Kinder und später auch Erwachsene zu behandeln.  – 2003 wurde Annalena Tonelli in Nordsomalia auf offener Strasse ermordet. (3) http://de.wikipedia.org/wiki/Annalena_Tonelli

1993 kam die Hebamme Vre Karrer nach Merka. Sie hatte lange Jahre mit Magda in einer Zürcher Arztpraxis gearbeitet. In Merka arbeitete Vre Karrer mit Magda im Projekt von Annalena Tonelli und begann später Mitarbeitende in Krankenpflege zu unterrichten. 2002 wurde Vre Karrer in ihrer Wohnung in Merka ermordet. (4) www.nw-merka.ch

2000 wurde in der Schweiz der Unterstützungsverein Swisso Kalmo gegründet. Er wurde hauptsächlich von den Schwestern und Brüdern von Magda Nur-Frei in der Ostschweiz getragen. Sie hatten schon vorher ihre Schwester in Somalia tatkräftig unterstützt.

2001 unterstützte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstmals Projekte von Swisso Kalmo.

2006 musste die Familie Nur mit ihren zwei Kindern Merka wegen der unsicheren Lage in Somalia verlassen. Nach einem Jahr in Nairobi wurde die Lage auch in Kenia bedrohlich, Unruhen brachen aus die viele Opfer forderten. Deshalb verliess Nur Nairobi und reiste mit seiner Familie in die Schweiz. In der Schweiz erkrankte Magda. 2009 wollte Nur für einige Monate nach Merka zurückkehren, um bei Swisso Kalmo an Ort wieder mitzuarbeiten. – Die Tuberkulose Klinik in Merka hatte trotz der Abwesenheit der Familie Nur selbständig, ununterbrochen, weitergearbeitet. – Bei seinem Aufenthalt In Merka wurde Nur von Freunden gewarnt, er sei im Visier von Al Shabab. Mitten in der Nacht verliess er Merka und flüchtete nach Nairobi und von dort wieder in die Schweiz.

Vor vier Jahren starb Magda an einer Krebserkrankung in der Schweiz. Nach dem Tod von Magda übernahm Dr. med. Abdi Hersi die Leitung von Swisso Kalmo in Afrika. Unter seiner Leitung konnte Swisso Kalmo seine Tätigkeit sehr stark ausweiten.

Heute wird Swisso Kalmo unterstützt unter anderem. vom Humanitären Büro der UNO UN OCHA, von UNICEF, vom Globalen Fund gegen Aids, TB und Malaria.

Swisso Kalmo setzt seine Projekte selber oder in Kooperation mit lokalen Organisationen um. Vor Ort arbeiten ausschliesslich Fachkräfte aus der Region: Medizinerinnen, Hebammen und Pflegekräfte, Projektmanager und Logistiker. 

  1.  „In Somalia fehlt ein Nelson Mandela der eine Versöhnung einleiten könnte“ http://www.berliner-umschau.de/news.php?id=28360&storyid=1001393314838
  2. Alte Homepage von Swisso Kalmo, Geschichte: http://www.swisso-kalmo.ch/oldpage/pdf/Geschichte%20von%20swisso-kalmo.pdf)
  3.  http://de.wikipedia.org/wiki/Annalena_Tonelli
  4. Förderverein Neue Wege in Somalia, gegründet von Vre Karrer, www.nw-merka.ch)

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