Gandhi heute

Von Ueli Wildberger, ehem. Animator Forum für Friedenserziehung

Kaum jemand hat im 20. Jahrhundert im sozialen und politischen Bereich so revolutionierend gewirkt wie Mahatma Gandhi (1869 – 1948). Mit seiner Strategie des gewaltfreien Widerstands, die er in den ersten 20 Jahren seiner Anwaltstätigkeit in Südafrika entwickelte, hat er in jahrzehntelangen Anläufen und mit immer neuen und neuartigen Mobilisierungsaktionen Indien zur ersehnten Unabhängigkeit geführt. Mit der Aktiven Gewaltfreiheit hat er der Welt einen neuen Weg politischer Auseinandersetzung geschenkt, der als Alternative zu Gewalt und Krieg mithelfen könnte, Unrecht ohne Blutvergiessen zu überwinden und Konflikte ohne Opfer und Zerstörung zu lösen – ein immenser, aber noch kaum gehobener Schatz für eine friedlichere Welt!

Gewaltfreier Widerstand ist wirksam

Die damalige britische Kolonialregierung war durchaus nicht so zivilisiert und schreckte nicht vor brutaler Gewalt zurück, wie immer wieder unterstellt wird: 1919 liess General Dyer während grosser Massenproteste in die demonstrierende Menge schiessen: 379 Menschen wurden getötet, über 1000 verletzt. Umgekehrt war Gandhi zu Beginn auch in seiner Bewe- gung mit gewaltbereiten Anhängern konfrontiert, es gelang ihm aber dank seiner genialen und mutig-wirksamen Strategie, diese in seinen gewaltfreien Kampf einzubinden. Sein Satyagraha (Festhalten an der Wahrheit), wie Gandhi seine neue Strategie nannte, war nicht primär aus der östlichen Mentalität entstanden, wie viele bis heute glauben machen wollen; auch in Indien und im übrigen Asien kam es damals wie heute immer wieder zu grausamen Gewaltausbrüchen und Brutalitäten.

Wohl die entscheidendste Einsicht von Gandhi war die Entdeckung, dass seelische oder geistige Kraft stärker ist als alle Gewalt. Gewalt führt in der Regel nur zu noch mehr Gewalt: Die Gewaltspirale dreht sich weiter. Die Kraft der Wahrheit, die das Gute sucht, ist ihr unendlich überlegen. Denn jeder Mensch strebt letztlich darnach, aus seiner Sicht das Richtige zu tun – auch sogar wo er zur Gewalt greift. Indem der oder die Gewaltlose nicht wieder mit Gewalt reagiert, sondern sich widersetzt, und lieber selber den Kopf hinhält, wird die Gewaltkette durchbrochen, kommt die Gewalt an ein Ende, wird etwas Neues möglich.

Geradezu steinzeitlich wirkt demgegenüber die heutige weltweite Aufrüstungs- und Abschreckungspolitik: Der Krieg gegen den Terrorismus, der Gewalt mit immer noch mehr Zerstörung zu besiegen sucht, und dabei nur immer noch mehr Terro- risten schafft. Gewaltfreiheit weigert sich, den oder die GegnerIn als Feind zu sehen, den Menschen mit dem Bösen zu identifizieren und zu vernichten. Im Gegenteil: Sie realisiert, dass auch die Unterdrücker in ihrer Rolle, ihren Ängsten und Irrtümern gefangen sind, und dass es darum geht, sowohl Unterdrückte wie Unterdrücker zu befreien. Dies aber kann am besten nicht mit Drohung geschehen, sondern mit der eigenen Leidensbereitschaft. Gewaltfreiheit bezieht ihre dynamische Kraft aus der Bereitschaft, für die eigene Überzeugung Sanktionen in Kauf zu nehmen. Diese Risikobereitschaft kann Geg- nern die Augen öffnen, kann SympathisantInnen gewinnen und damit eine Bewegung stärken. Sie ist auch heute in vielen sozialen Konflikten ein fruchtbarer Weg – ein Gebot der Stunde.

Aktive Gewaltfreiheit attackiert die Wurzeln der Gewalt

Gandhi war revolutionär in seiner Schau der Zusammenhänge. Es war ihm sehr wohl bewusst, dass Unabhängigkeit Indiens ohne demokratische Gesellschaft, wirtschaftliche Autonomie, religiöse Toleranz zwischen Hindus und Muslimen und Gleich- wertigkeit der Benachteiligten (Unberührbare) nicht wirklich Freiheit für die Menschen bedeutet. Deshalb wehrte er sich mit Händen und Füssen gegen eine Teilung Indiens – in Vorahnung der blutigen Massaker die folgen würden – und beging den Unabhängigkeitstag als Trauertag. Deshalb nahm er demonstrativ Unberührbare in seinen Ashram auf, und nahm dafür in Kauf, dass ihm seine prominenten Gönner ihre Geldspenden entzogen. Lange vor Galtung vertrat Gandhi somit einen um- fassenden Gewaltbegriff, der die Auswüchse der Gewalt auf ihre Ursachen, nämlich Armut, Not, Verzweiflung, Abhängigkeit und Unwissen zurückführte, und zu ihrer Beseitigung aufrief. «Was denken Sie über die westliche Zivilisation?» soll ihn ein Reporter gefragt haben. Gandhi: «Ich denke, es wäre eine wundervolle Idee!» Gandhi wagte es, tiefverwurzelte Gewohn- heiten und Ungleichheiten infragezustellen, und sich mutig gegen damalige Normen aufzulehnen. Der Mut, ungeachtet der Konsequenzen auf die eigene‚ ’leise innere Stimme‘ zu vertrauen, statt sich der öffentlichen Meinung anzupassen – diese Zivilcourage zeichnet eigenständig denkende Menschen aus. Sie sind es, die Machtmissbrauch und menschenverachten- den Tendenzen – wie die jüngste Geschichte lehrt – die Stirn bieten können.

Konstruktives Programm

Gandhi betonte beharrlich, dass gewaltfreie Veränderung auf zwei Beinen gehe: Einerseits gewaltfreier Widerstand gegen Unrecht, andererseits Aufbau einer alternativen Gesellschaft. Deshalb entwarf er ein ‚Konstruktives Programm‘ für sein Agrarland Indien, das auf der Entwicklung autonomer Dorfgemeinschaften basierte: In Anlehnung an John Ruskin forderte er für die Millionen armer Dorfbewohner das Recht, aber auch die Pflicht zur Handarbeit: Jeder Mensch soll zur Deckung seiner lebensnotwendigen Grundbedürfnisse mit seinen eigenen Händen beitragen: sein Wahrzeichen war fortan das Spinnrad. Damit wollte er gleich mehrere Ziele gleichzeitig erreichen: Manuelle Arbeit schenkt jedem Menschen Sinn und Würde. Sie trägt zum Lebensunterhalt bei und ermöglicht damit Selbständigkeit. Wenn alle mit ihren Händen das Nötige möglichst selber produzieren, wird damit die menschenunwürdige Fliessbandarbeit und Ausbeutung in Schwitzfabriken weitgehend überflüssig. Und erst noch ist die lokale Produktion umweltfreundlich und überschaubar, und stärkt dadurch die demokratische Mitsprache und Freiheit im Kleinen. Ein solches ökonomisches Entwicklungskonzept mutet auf den ersten

Blick überholt an – aber könnte es sein, dass es angesichts einer immer technisierteren Welt, einer immer grösseren Kluft zwischen Arm und Reich einen zukunftsgerichteten Ausweg aus Arbeitslosigkeit, Armut, Ausbeutung und Umweltzerstörung anbietet? Beschränkung und Selbstgenügsamkeit könnten allen Menschen genügend Mittel für ein dezentes Leben ermög- lichen, und gleichzeitig die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten. Oder wie Gandhi es formulierte: Es gibt nicht genügend Ressourcen für die Gier (greed) der Menschen, aber für ihre Grundbedürfnisse (needs). ‘Small is beautiful’ – diese Devise hat in meinen Augen nichts von ihrer Aktualität eingebüsst.

Im Zeitalter der Umweltbelastung und knappen Ressourcen ist vor allem seine Idee der Trusteeship zukunftsweisend, dh dass alle Ressourcen der Natur den Menschen nicht als Eigentum zustehen, sondern ihnen nur als Treuhänder geliehen werden. Das Bewusstsein, die Schätze der Natur nur als Lehen auf Zeit zu geniessen, könnte eine neue Haltung und Um- gang mit der Umwelt ermöglichen

Veränderung fängt im eigenen Alltag an

Gandhis Besonderheit lag auch darin, dass er politische Veränderung und persönlichen Wandel unlöslich miteinander ver- band. Er predigte nicht nur, er ging mit gutem Beispiel voran: Seine ‘Experimente mit der Wahrheit’ umfassten alle Lebens- bereiche: Das Leben in der Ashram-Lebensgemeinschaft, Versuche mit allerlei Diäten und Enthaltsamkeit, medizinische Naturheilverfahren, neue praxisbezogene Erziehung mit Kopf, Herz und Hand, genaueste Zeiteinteilung und Planung, das Teilen der gemeinsamen Güter: Nie ging es ihm dabei darum, eine Schule oder ein geschlossenes Lebenssystem zu ent- werfen: Im Gegenteil, er ermutigte seine Anhänger, ihre eigenen ‘Experimente’ zu wagen, zu widersprechen, neue Wege zu gehen.

Mit seinem rigorosen Lebensstil war Gandhi zwar prägend für viele und vollbrachte eine ungeheure Arbeitsleistung; gleich- zeitig sollen auch die Schattenseiten nicht verschwiegen werden. An seine eigene Familie legte er die gleichen strengen Massstäbe an; zuweilen behandelte er seine Frau und seine Kinder unglaublich hart und kompromisslos, wie er mit scho- nungsloser Offenheit in seiner Autobiographie selber beschreibt. Seine Kinder litten darunter und flüchteten sich z.T. in Alkoholismus. Mit seiner Frau Kasturbai zusammen versuchte er zwar die Frauen zu fördern; sein Verhalten in Ehe und Fami- lie trägt aber noch patriarchale Züge. Seine charismatische Führung der Unabhängigkeitsbewegung vermochte zwar Millio- nen zu begeistern, aber machte ihn auch zu einer einsamen und exponierten Führerfigur. Für Gandhi spricht, dass er dabei bescheiden und offen blieb für Einwände und Kritik, und bereit, seine Einstellung jederzeit zu revidieren. Mit seinem Humor vermochte er immer wieder schwierige Situationen zu entschärfen.

Radikalität

Gandhis Durchschlagskraft beruhte nicht zuletzt auf seiner Radikalität: In seiner Kleidung glich er sich mit seinem Lenden- tuch schrittweise den Ärmsten Indiens an. In der Anfangszeit der Befreiungsbewegung rief er die Inder auf, die Universi- täten, die Richter- und Verwaltungsämter der Briten zu boykottieren; ihre Stoffe zu verbrennen.

Als er zu seinem berühmten Salzmarsch vom Sabarmati-Ashram aufbrach, schwor er, nicht in seinen Ashram zurückzukeh- ren bevor Indien frei sei. Insgesamt über 6 Jahre seines Lebens verbrachte Gandhi in Gefängnissen. Indem er mit seinem Zivilen Ungehorsam furchtlos seinen Landsleuten ins Gefängnis voranging, löste er eine ungeheure Welle des Mutes und der Hingabe aus: Tausende brachen 1931 das Salzmonopol der Engländer und wanderten ins Gefängnis: Auf dem Hö- hepunkt der Salzkampagne waren 70’000 InderInnen inhaftiert – eine gewaltlose Auseinandersetzung auf Biegen und Brechen mit der britischen Kolonialregierung, die ihr deutlich machte, dass ihre Tage gezählt waren. Das Neue an Gandhis Handeln war seine Verbindung von Radikalität und Gewaltfreiheit: Die energische Hingabe – gekoppelt mit dem Verzicht auf Drohung, Zwang und Gewalt: Ich denke, eine solche gewaltfreie Einsatzbereitschaft kann auch heute Berge versetzen!

Religion und Politik

Vielleicht die grösste Bedeutung Gandhis für heute liegt aber in seiner besonderen Verbindung von Religion und Politik. Im Gegensatz zur heute herrschenden Doktrin in der Politik sind Religion und Politik für Gandhi nicht zwei getrennte Bereiche mit je ihren eigenen Gesetzlichkeiten. Deshalb verwirft er die gängige Politik-Auffassung, die für einen guten Zweck notfalls auch Gewaltmittel erlaubt. Denn diese korrumpieren unweigerlich die hehren Ziele: Gewalt ruft nach bedingungslosem Ge- horsam, Brutalität, Hierarchie, dem Recht des Stärkern; dabei gerät aber alles, was mit Liebe, Freiheit, Achtung und Wert- schätzung zu tun hat unter die Räder. Erst recht lehnt er deshalb allen religiösen Fundamentalismus mit seinem Zweiteilung der Welt in Gut und Böse und der Rechtfertigung der Gewalt gegen religiöse Feinde ab.

Vielmehr geht es Gandhi um das Festhalten an den religiösen Werten und Moral auch in Konflikten aus der Einsicht heraus, dass gute Ziele nur durch gute Mittel erreicht werden können – und dass umgekehrt der Weg schon das Ziel ist. An mir

als einzelnem Menschen liegt es, meinen Teil der Verantwortung für eine friedliche Welt schon zu leben, und damit meinen Baustein zu einer menschlicheren Gesellschaft beizutragen. Vielleicht bleibe ich allein, habe ich nach aussen keinen Erfolg: Trotzdem ist ein erster Schritt gemacht, der seinen Wert und seine Verheissung in sich trägt. Dieses Streben nach ‚Wahr- heit‘, die nur je vom einzelnen Menschen entdeckt und errungen werden kann, aber dem Leben und jedem guten Schritt erst seinen Sinn gibt, ist für Gandhi letztlich in seiner religiösen Überzeugung begründet. Auch hierin aber ist Gandhi mo- dern: Nicht in seinem Hinduismus, nicht in einer betimmten Religion, sondern in seinem Glauben an eine letzte göttlichen Wahrheit und Kraft hinter allen Religionen. Nicht Wahrheit ist Gott, sondern Gott ist Wahrheit, fasst Gandhi seine Überzeu- gung zusammen.

Literaturhinweise: – M.K.Gandhi: Autobiographie, Hinder + Deelmann-V, Gladenbach 1991 – My life is my message, Leben und Wirken M.K.Gandhi, We- ZuCo, Kassel 1988 – George Woodcock: Der gewaltlose Revolutionär, WeZuCo, Kassel 198 – Dietmar Rothermund: Mahatma Gandhi, der Revolutionär der Gewaltlosigkeit, Piper-Verlag, Zürich, 1989 – Dieter Conrad: Gandhi und der Begriff des Politischen, Fink-Verlag, München 2006

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